Die Sehnsucht nach dem Ort, wo die Seele Wurzeln schlägt, hat Gerti Rieger (75) ihr Leben lang nicht losgelassen. Ihre Suche hat sie als junge Frau zuerst nach Nürnberg geführt.
„Ich habe mehr als 50 Jahre meines Lebens in dieser Stadt verbracht, mich aber dort nie wirklich zu Hause gefühlt“, erzählt sie in ihrem oberbayerischen Dialekt. Als die Heilpraktikerin in Rente ging, fasste sie den mutigen Entschluss, ihr Fachwerkhaus in der Nürnberger Altstadt zu verkaufen und mit ihrer Hündin in ein Wohnmobil zu ziehen.
„Am Anfang war es natürlich eine enorme Umstellung. Statt in einem ganzen Haus wohnte ich plötzlich auf gerade mal zehn Quadratmetern. Bereut habe ich es aber keinen einzigen Tag.“
Denn Gerti Rieger hatte ein Ziel: so viel wie möglich von Deutschland zu sehen – und den Platz zu finden, an dem sie leben will. Sie entdeckte kleine Städte, die kaum einer kennt, lief über eine der längsten Hängebrücken der Welt im Harz, campte an wunderschönen Seen und Stränden.
Doch dieses Ziehen im Bauch, die Sehnsucht nach den Bergen, blieb. Ihre Reise führte sie schließlich wieder in den Chiemgau, in die Region ihrer Kindheit. Da wurde ihr klar: „Dieses Gefühl von Heimat habe ich nur hier. Wenn mich jemand auf Bayerisch grüßt, geht mir das Herz auf. Ich spüre einfach, dass ich hierhergehöre.“
Gerti Rieger verkaufte kurzerhand ihr Wohnmobil und zog in den Chiemgau, nur wenige Kilometer von dem Dorf entfernt, in dem sie aufgewachsen ist.
Beim Spaziergang mit Hündin Karlotta dreht sie gern ihre Runden über Wege, die sich um die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte winden, vorbei an sattgrünen Wiesen. Bei schönem Wetter scheinen die Gipfel der Alpen zum Greifen nah. „An solchen Tagen merke ich, wie sehr ich die Berge all die Jahre vermisst habe. Allein der Anblick gibt mir Kraft.“
Heimat fühlt sich heute anders an
Dabei konnte sie sich lange nicht vorstellen, dass sie zurückkommen würde. „Als Mädchen wollte ich nur weg, da war mir auf dem Dorf alles zu eng.“
Manchmal merken wir erst mit etwas Abstand, wo die Heimat im Herzen auf uns wartet. Für Gerti Rieger fühlte es sich an wie Liebe auf den zweiten Blick, als sie erkannte, dass es sie wieder in die Gegend ihrer Kindheit zieht. „Ich war in ganz Deutschland unterwegs, doch nirgendwo blüht mein Herz so auf wie hier im Chiemgau.“
Mit der Kampenwand vor der Haustür spürt sie das, was sie so lange vermisst hat: das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
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