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Lebensfreude

Mit der Vespa nach Italien: Warum es nie zu spät für einen Lebenstraum ist

1.6.2026
Avatar von Elisabeth C. Bauer
Elisabeth C. Bauer

Manchmal braucht es nur eine Vespa und einen alten Traum, um ein ganzes Leben in Bewegung zu bringen. Bei Bärbel Weinzierl wurde so aus einem „irgendwann“ endlich ein „jetzt“: Fünf Wochen reiste sie allein auf ihrer weißen Vespa durch Italien. Dort entdeckte sie ihre Liebe zum Schreiben und ein neues Lebensgefühl zwischen Freiheit, Mut und „Dolce Vita“

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Foto: Shutterstock.com

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Das erste Mal in Italien war Bärbel Weinzierl als Teenager. Mit 13 nahmen ihre Eltern sie mit nach Jesolo und Bärbel tauchte tief ein in das italienische Lebensgefühl: die Sonne, das Meer, die Pizza, die so viel besser schmeckte als daheim. Das quirlige Treiben auf den Märkten und abends der Klang italienischer Schlager, die durch die Gassen hallten – all das brannte sich in ihr Herz.

„Als junges Mädchen war ich komplett überwältigt von all den Eindrücken. Für mich hat sich das damals angefühlt wie das pure Leben“, erinnert sich die heute 63-jährige Altenpflegerin aus Mering. „Und seitdem bin ich in Italien verliebt.“

Audrey Hepburn und der Traum: Mit der Vespa durch Rom

Und dann gab es da auch noch diesen Film, den sie nicht mehr aus dem Kopf bekam: „Ein Herz und eine Krone“, in dem Audrey Hepburn mit einer weißen Vespa durch Rom düst. Diese Filmszene schürte Bärbels Sehnsucht – nach Italien und dem „Dolce Vita“. Damals hat sie beschlossen: „Irgendwann fahre ich auch mit einer weißen Vespa durch Rom.“

Über Jahrzehnte hinweg ließ dieser Traum sie nie ganz los, doch immer wieder schob sie ihn zur Seite. Bis sie ihn mit Ende 50 schließlich wahr machte. „Es gibt diesen Spruch: Worauf warten? Das Leben ist zu kurz für später. Also dachte ich mir: Geh es an, sonst bereust du es später vielleicht.“

Los geht die Vorbereitung

Damit stand die Entscheidung fest. Nur hatte Bärbel Weinzierl weder einen Motorrad-Führerschein noch eine Vespa. Kurzerhand meldete sie sich deshalb bei einer Fahrschule an. Und bestand drei Monate später als älteste Schülerin die Prüfung. Beim Rollerkauf musste sie nicht lange überlegen: Es wurde eine Vespa Primavera in Weiß. Bärbel taufte sie auf den Namen „Cesarina“.

„Schon auf dem Weg zum Einkaufen hätte ich vor Freude juchzen können“, erzählt sie und lacht.

Fünf Wochen Richtung Süden

Im Sommer 2021 war es so weit: Bärbel verabschiedete sich von ihrem Mann, hupte zweimal und bog um die Ecke ihres Zuhauses in der Nähe von Augsburg, immer Richtung Süden, dem Traum hinterher. Und das ohne Navi, ohne gebuchte Unterkünfte – nur mit einer guten Landkarte und leichtem Gepäck.

Bärbels 5 000 Kilometer lange Route führte sie über den Reschenpass nach Südtirol, vorbei an Verona bis hinunter an die Amalfi-Küste und nach Peschici in Apulien am Sporn des italienischen Stiefels – und wieder zurück. Fünf Wochen war sie unterwegs, fuhr bis zu 300 Kilometer am Tag, fast immer am Meer entlang.

Sie übernachtete in Bauernhäusern, Klöstern und kleinen Pensionen, die sie spontan entdeckte. Kurvte über Landstraßen, an Zypressen und goldgelben Feldern vorbei, machte Pause unter Olivenbäumen, in kleinen Espresso-Bars und stärkte sich mit gegrilltem Fisch, hausgemachter Pasta und Pizza, frisch aus dem Ofen. „Oft saß ich abends auf einer Terrasse, hörte die Zikaden zirpen und dachte: Genau hier will ich sein.“

Pannen auf dem Weg

Doch nicht alles lief glatt. Bei Florenz verpasste Bärbel Weinzierl die Ausfahrt und verirrte sich auf einen Schotterweg, die Vespa rutschte in der Kurve weg. Bärbel konnte gerade noch abspringen, bevor der Roller kippte. Zum Glück war ihr nichts passiert, aber die geliebte „Cesarina“ hatte eine Delle abbekommen. Ein älterer Italiener, der in der Nähe wohnte begutachtete die Schramme und fragte: „Posso?“ – „Darf ich?“ Dann holte er schnell Schmirgelpapier aus seiner Werkstatt und besserte den Lack aus. Die Schramme hatte der freundliche Signore zwar letztlich nicht ganz rausbekommen, aber ein paar Hundert Kilometer weiter klebte Bärbel Weinzierl einfach einen Rom-Aufkleber drüber.

Momente des Glücks

An diesem Tag war es endlich so weit: Auf ihrer weißen Vespa umrundete sie das Kolosseum, fast wie damals Audrey Hepburn. „Ich war so glücklich in diesem Moment, es war eigentlich viel zu schön, um wahr zu sein!“ Mit dem Rom-Sticker wurde dann sogar noch aus der Delle im Blech eine kostbare Erinnerung an die filmreife Szene – und die Herzlichkeit der Menschen.

Zwei Begleiter waren die ganze Zeit über an Bärbels Seite: die Musik und ihr Notizbuch. Wenn sich die Kilometer dahinzogen, sang sie unterm Helm italienische Schlager. Abends wusch sie ihre Kleidung in der Dusche, trank Rotwein auf der Terrasse einer Trattoria und schrieb all ihre Erlebnisse auf.

Eigentlich, um ihrem Vater, der zu diesem Zeitpunkt krank war, möglichst genau von der Reise zu erzählen. Doch daraus wurde später ein Buch: „Nonna accelerata – die beschleunigte Großmutter“ (BoD, 23,50 Euro). So taufte sie ein Tankwart in Süditalien. An diesem Tag – Bärbel Weinzierl hatte bereits die Rückreise angetreten – hatte sie es sehr eilig, denn sie wollte unbedingt rechtzeitig zur Geburt ihres Enkelkindes wieder zu Hause sein.

Als der Tankwart hörte, warum sie nicht länger in „Bella Italia“ bleiben wollte, lachte er und sagte mit einem Augenzwinkern: „Ah! Nonna accelerata!“ Ein Spitzname, der blieb. Und der ihrem Buch den Titel gab. Kurz vor dem Tod ihres Vaters las Bärbel ihm im Krankenhaus daraus vor. Die Erlebnisse seiner Tochter rührten ihn zu Tränen.

Ein neues Leben nach der Reise

Heute begeistert Bärbel Weinzierl bei Lesungen das Publikum mit ihrer humorvollen Art und den Erlebnissen ihres Vespa-Abenteuers. Zwischen den Kapiteln singt sie wie schon auf der Reise Arien und italienische Schlager – und das Publikum stimmt mit ein. „Bei Klassikern wie ,Volare‘ und ,Marina‘ gibt es kein Halten mehr, das fühlt sich dann fast an, als wären wir mitten in Italien“, sagt sie und strahlt.

Seit ihrer Italien-Umrundung hat Bärbel Weinzierl ihr Leben neu ausgerichtet. Im Moment schreibt sie wieder an einem Buch. Und weil sie die italienische Musik so liebt, hat sie vor Kurzem angefangen, Klavierunterricht zu nehmen. Von ihrem Mann lebt sie inzwischen getrennt, doch allein fühlt sie sich nicht.

Die nächste Reise steht bereits fest. Wohin?

Natürlich nach Italien.

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