Etwas lernen, das uns interessiert, gemeinsam lachen oder rätseln – das ist ein gutes Training für den Kopf. Besonders dann, wenn wir mit Freude und Begeisterung bei der Sache sind, sagt Neuropsychologe Prof. Volker Busch
Drucken
Foto: Oliver Betke
Inhalt
0% gelesen · Abschnitt 1 von 10
Wovon hängt es ab, ob wir uns etwas gut merken können?
Busch Vor allem von unserer Motivation. Was uns interessiert oder berührt, merken wir uns in der Regel leichter. Aber auch wann wir lernen, spielt eine Rolle: Vormittags ist eine gute Zeit, denn da ist unser Gehirn besonders aufnahmefähig. Tatsächlich arbeitet es aber ununterbrochen. Es nimmt ständig Reize auf, verarbeitet sie, gleicht sie mit früheren Erfahrungen ab, speichert sie. All das geschieht den ganzen Tag über und sogar dann, wenn wir schlafen.
Lernen im Schlaf hört sich gut an. Wie funktioniert das?
Busch Nachts verarbeitet unser Gehirn die Eindrücke des Tages. Es speichert Relevantes, sortiert Unwichtiges aus. Wenn Sie zum Beispiel eine halbe Stunde Klavier geübt haben und sich anschließend hinlegen, spielt das Gehirn das Gelernte im Schlaf immer wieder durch – und das in rasender Geschwindigkeit. Wir nennen diesen Vorgang „Replay“. Auf diese Weise schleift sich das Gelernte ein. Wenn Sie wieder aufwachen, gelingt Ihnen die Tonleiter dann schon ein bisschen besser. Das Gleiche gilt übrigens auch für das Sprachenlernen oder sogar beim Einprägen von Fakten.
Viele haben große Freude daran, Kreuzworträtsel zu lösen. Hilft das auch, geistig fit zu bleiben?
Busch Rätseln kann helfen, das Gehirn fit zu halten, vor allem, wenn es Spaß macht. Studien zeigen: Der Effekt allein vom Rätseln ist begrenzt. Entscheidend ist, wie wir es tun: Am besten gemeinsam mit anderen, mit Neugier, Leichtigkeit, in einer Runde, in der man auch zusammen lachen kann. Dieser Austausch regt das Gehirn viel mehr an, als einsames Rätseln es könnte.
Stimmt es, dass wir das Lernen mit den Jahren verlernen?
Busch Die Grundfunktionen des Gehirns, zum Beispiel Reize verarbeiten und Erfahrungen abgleichen, bleiben auch im hohen Alter noch die gleichen wie früher. Aber das reine Pauken, also zum Beispiel gezielt Vokabeln zu lernen oder sich Fakten einzuprägen, fällt uns in der Tat in jungen Jahren leichter. Umso wichtiger ist es deshalb, sich im Alltag immer wieder kleinen Herausforderungen zu stellen: etwa ein Gedicht auswendig zu lernen, ein neues Hobby zu beginnen oder mit den Freunden ein Knobel- oder Kartenspiel auszuprobieren.
Ich bin 65 und habe schon lange nichts mehr auswendig gelernt. Aber ich überlege, noch mal ein Studium zu beginnen. Was denken Sie – ist das eine gute Idee?
Busch Das ist eine tolle Idee! Ein Studium fordert Sie heraus, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen, es wirklich zu durchdringen. Entscheidend ist, dass Sie mit Begeisterung dabei sind. So lernen Sie leichter als früher in der Schule, wo der Stoff vielleicht nur wenig Interesse geweckt hat. Mit einem Studium verlassen Sie auch immer wieder Ihre Komfortzone und bleiben am Ball – denn sonst legt man das, was geistig anstrengend ist, ja oft schnell zur Seite und konsumiert lieber etwas im Fernsehen. Doch sich neuen Herausforderungen zu stellen, hält geistig fit.
Welche Rolle spielt Bewegung für die geistige Fitness?
Busch Bewegung fördert die Durchblutung – auch im Gehirn. So gelangen Sauerstoff und Nährstoffe besser dorthin. Gleichzeitig schüttet unser Körper dabei Botenstoffe aus, die das Wachstum neuronaler Zellen fördern und sogar dem geistigen Abbau entgegenwirken können. Besonders der Hippocampus, zuständig für das Langzeitgedächtnis, profitiert davon, wenn wir uns regelmäßig bewegen. Auch im Vorderlappen, der zum Beispiel fürs Planen und Entscheiden wichtig ist, können sich durch die Bewegung die Synapsen neu verdrahten. An dem Zitat des römischen Dichters Juvenal „In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist“ ist also durchaus was dran.
Manchmal ist es ja auch gut, dass wir etwas vergessen – oder?
Busch Dinge zu vergessen ist sogar sehr wichtig und nicht gleichbedeutend mit einer Gedächtnisschwäche. Denn würden wir nie etwas vergessen, wären wir ständig überfordert von Reizen, Erinnerungen und Emotionen. Das Vergessen kann also durchaus ein bewusster Vorgang des Gehirns sein. Es wählt aus, was bleiben darf und was nicht.
Etwas zu vergessen ist deshalb nicht unbedingt ein Defizit. Es hilft, Raum für Neues zu schaffen. Und es hilft uns auch dabei, schmerzvolle Erfahrungen, die wir gemacht haben, zu heilen wie eine Trennung oder den Tod eines geliebten Menschen.
Und umgekehrt, wenn ich mir etwas wirklich dauerhaft merken will: Wie gelingt das am besten?
Busch Der Schlüssel ist die eigene Motivation. Was uns interessiert, bleibt leichter hängen. Auch gute Lernstrategien können helfen. Zum Beispiel dann zu lernen, wenn wir aufnahmefähig sind, etwa am Vormittag. Immer wieder Pausen einzulegen oder ein Nickerchen zu machen. Genauso wichtig ist es, sich regelmäßig zu bewegen, ausreichend zu trinken und möglichst multisensorisch, also mit mehreren Sinnen zu lernen.
Was bedeutet das?
Busch Zum Beispiel könnten Sie einen Text nicht nur lesen, sondern vielleicht auch ein Video dazu anschauen oder sich mit jemandem über das Thema unterhalten. Oder Sie könnten versuchen, das Gelernte umzusetzen, es mit den Händen buchstäblich zu begreifen. Auf diese Weise schaffen Sie immer wieder neue Reize für Ihr Gehirn und unterschiedliche Lernperspektiven. So verankert sich auch das Gelernte besser im Kopf.
Können Sie mir bitte ein konkretes Beispiel nennen?
Busch Nehmen wir an, Sie wollen ein Musikstück lernen. Sie hören eine Aufnahme des Lieds, studieren die Noten und spielen es dann selbst. Bei einem historischen Thema lesen Sie vielleicht erst einen Artikel, besuchen dann ein Museum oder führen Gespräche mit Menschen, die sich damit auskennen, schauen sich eine spannende Serie zum Thema an und tauchen dabei ganz ein. Lernen mit Freude, Neugier und Abwechslung – das liebt unser Gehirn.