Es lohnt sich, den eigenen Blick ganz gezielt auf die Haben-Seite des Lebens zu lenken. Denn Dankbarkeit macht uns optimistischer, gesünder und auch reicher an Beziehungen.
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Grafik: KI generiert mit Midjourney/Agentur2
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Kennen Sie die Weisheits-Geschichte vom schwarzen Punkt? Ein Professor trat vor seine Klasse und forderte seine Studentinnen und Studenten zu einem Test auf. Er gab ihnen ein weißes Blatt mit einem schwarzen Punkt und bat sie, zu beschreiben, was sie auf dem Papier sehen. Ausnahmslos jeder der Studierenden beschrieb den schwarzen Punkt, seine Größe und seine Position auf dem Blatt. Das Weiß rundherum nahm keiner der jungen Menschen wahr.
Der Professor musste schmunzeln und konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Ich wollte Ihnen eine Aufgabe zum Nachdenken geben. Wir konzentrieren uns immer nur auf den schwarzen Punkt, das Dunkle, Negative in unserem Leben. Wir haben aber ein weißes Papier erhalten. Füllen Sie es mit Leben und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit mehr auf die hellen Momente!“ Genau zu diesem Perspektivwechsel sind wir auch aufgerufen, wenn wir dankbarer durch unser Leben gehen möchten.
Der Blick auf das Positive
Doch was genau ist Dankbarkeit eigentlich? Ein Gefühl, eine Haltung, eine Charaktereigenschaft oder alles drei zugleich? Für Dirk Lehr, Professor für Gesundheitspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg, ist sie eine Art Scheinwerfer.
Er lenkt den Blick auf das Positive. „Dankbarkeit meint die Wahrnehmung und Wertschätzung des Guten im Leben.“ Das ist leichter gesagt als getan, denn unser Verstand trickst uns gern aus, beschäftigt sich lieber mit dem, was gerade schlecht läuft – der lange aufgeschobenen Steuererklärung, den Sorgen in der Familie, dem Stress im Büro, eben dem schwarzen Punkt aus der Geschichte.
Dahinter steckt unser evolutionäres Erbe: Wer weiß, dass irgendwo vor der Höhle ein Säbelzahntiger lauert, schaut sich vorsichtig um, bevor er neues Feuerholz holt. Doch leider bringt man sich mit dieser Sicht auf die Welt um viele schöne Augenblicke. Und um eine wichtige psychologische Ressource, die Wissenschaftler seit der Jahrtausendwende immer genauer untersuchen.
„Dankbarkeit ist wie ein Muskel”
Tatsächlich ist Dankbarkeit nämlich nicht in erster Linie die Konsequenz besonders glücklicher Umstände, sondern vielmehr die Voraussetzung für ein zufriedenes, erfülltes Leben. Ein guter Grund, die eigene Dankbarkeit zu trainieren, zumal das schon mit einfachen Mitteln geht, sagen die amerikanischen Dankbarkeitsforscher Robert Emmons und Michael McCullough.
In einer Studie baten sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, einmal pro Woche fünf Dinge in einem Tagebuch zu notieren, für die sie dankbar waren. Zwei Vergleichsgruppen schrieben negative oder neutrale Erfahrungen auf. Schon nach zehn Wochen zeigte sich, dass die dankbare Gruppe zufriedener und optimistischer war, weniger körperliche Beschwerden hatte wie Kopfschmerzen oder Muskelverspannungen und mehr Sport trieb.
Auch Prof. Lehr von der Leuphana Universität in Lüneburg hat mit seinem Team ein Online-Trainingsprogramm für mehr Dankbarkeit entwickelt. Statt mit einem Tagebuch aus Papier arbeitet der Gesundheitspsychologe mit einer App, die aber auf dem gleichen Prinzip beruht. „So lässt sich die Wahrnehmung gezielt auf Positives lenken. Vor allem Menschen, die sich viele Sorgen machen und zum Grübeln neigen, profitieren davon“, sagt Dirk Lehr, „Dankbarkeit ist wie ein Muskel, der häufig trainiert werden sollte.“
Dankbarkeit-Mosaik
Oft braucht es dafür einen Blickwechsel und die Bereitschaft zum Staunen. Um beides bemüht sich Beate Berbers (63) aus Bedburg-Hau am Niederrhein jeden Tag bewusst. „Ich versuche, mit wachen Augen durchs Leben zu gehen und nichts als selbstverständlich hinzunehmen“, sagt sie. „Abends rufe ich mir in Erinnerung, was tagsüber gut gelaufen ist.“
Das können winzig kleine Mosaiksteinchen sein, erzählt die Krankenschwester: Die Freundin, die ihr die Hand auf die Schulter legt, weil sie spürt, dass Beate gerade Sorgen hat. Der Patient aus der forensischen Psychiatrie, der ihr sagt: „Sie geben mir immer wieder eine Chance.“ Die Freude daran, im Garten zu werkeln oder in einem Buch zu versinken. Die Dankbarkeit darüber, dass sie einen gesunden Körper hat und immer noch Sport treiben kann wie eine 20-Jährige. „Im Großen und Ganzen fühle ich mich auf der Sonnenseite des Lebens. Und dafür bin ich jeden Tag dankbar“, sagt Beate Berbers.
Gut für die Seele und den Körper
Eine solcherart dankbare Haltung hat positive Auswirkungen. „Sie kann Menschen zufriedener, optimistischer und gesünder machen“, sagt Tobias Rahm, Glückstrainer und Doktorand am Institut für Pädagogische Psychologie der Technischen Universität Braunschweig.
„Wer seine Dankbarkeit schult, ist weniger gestresst und nicht so gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken. Wenn wir positive Emotionen wie Dankbarkeit erleben, erweitert sich unser Denk- und Handlungsspielraum. Wir sind viel eher bereit, Neues auszuprobieren und auf andere Menschen zuzugehen, unsere sozialen Bindungen wachsen. Wir haben auch mehr Erfolg und nehmen unser Leben als sinnvoll und gelingend wahr. Das Ganze ist also eine sich selbst verstärkende Aufwärtsspirale“, erklärt der Diplom-Psychologe. Die Wirkung von Dankbarkeit wird inzwischen sogar in der Psychotherapie eingesetzt.
Auch auf körperlicher Ebene scheint sich eine dankbare Haltung auszuwirken. Zumindest geben Studien Hinweise darauf, dass herzkranke Patienten davon profitieren.
Doch wie jedes Mittel, das wirkt, hat auch die Dankbarkeit Risiken und Nebenwirkungen: Sie sollte nicht dazu führen, dass unangenehme Gefühle einfach zur Seite geschoben werden. Auch gibt es immer wieder Situationen, in denen Menschen zu Dankbarkeit nicht in der Lage sind: wenn sie zum Beispiel Schlimmes erlebt haben oder an Depressionen leiden. „Alles hat seine Zeit“, sagt Dirk Lehr. „Dankbarkeit ist kein Allheilmittel, um jedes negative Gefühl wegzubekommen.“
Sehr wohl ist sie aber ein Mittel, um soziale Verbundenheit zu schaffen. Wer dankbar ist, erkennt an, dass er nicht alles aus eigener Kraft schafft, sondern auch andere Menschen ihren Teil dazu beitragen. Ein guter Grund, findet Tobias Rahm, dies auch mal zu sagen: „Drücken Sie Dankbarkeit aus, wenn Sie sie empfinden – und erklären Sie, warum Sie dankbarsind.“ Das kann die Verkäuferin in der Bäckerei sein, der man sagt, dass der Tag ohne ihren Kaffee viel trostloser starten würde. Das kann ein Brief sein, den man an einen besonderen Menschen schreibt. Dadurch steigert sich das Empfinden von Dankbarkeit, davon ist Tobias Rahm überzeugt: „Wir werden dankbarer, indem wir anderen danken.“
Die Haben-Seite
Cordelia Bruners (52), Finanzbeamtin aus Mönchengladbach, ist vor allem ihrer großen Familie dankbar. „Ich bin mit drei Geschwistern aufgewachsen, neben meinen Eltern haben auch die Großeltern ihren Beitrag zur Erziehung geleistet. Ich kann mich an viele Gespräche mit meinem Opa über die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg erinnern, die mein Weltbild bereichert haben. Wir haben das Prinzip Großfamilie zu Hause wirklich gelebt.“
Umso wichtiger ist ihr, diese Erfahrung auch an die eigenen drei Kinder weiterzugeben. Sie unternimmt viel mit ihren Geschwistern und deren Familien. „Unsere Kinder sollen wissen, wo sie hingehören, und spüren, dass sie in dieser Welt nicht allein sind.“ Wenn sie der Alltag trotzdem mal in den Wahnsinn treibt, ruft sich Cordelia die Haben-Seite ins Gedächtnis und ist dankbar: „Drei gesunde Kinder und einen Mann zu haben, auf den ich mich immer verlassen kann, ist ein großes Glück.“
Der Benediktinermönch David Steindl-Rast gibt alltagsnahe, kreative und spirituelle Anregungen für jeden Tag des Jahres: „Einfach leben – dankbar leben. 365 Inspirationen“, Herder Verlag, 10 Euro
Dankbarkeit im Alltag: Mehr Glück & Zufriedenheit | Happy+plus