Diese Einstellung kann man lernen, sagt Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl. Mit ihrer „Psychotherapie zum Selbermachen“ hat sie schon Millionen Menschen geholfen. Hier erklärt sie, wie wir Muster aus der Kindheit erkennen, überwinden und trotz früher Kränkungen in der Familie glücklich werden
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Foto: Susanne Wysocki
„Meine Bücher sind sehr praxisnah, fast wie eine Gebrauchsanweisung: Schritt eins, zwei, drei, vier – das machst du und so kommst du aus der Nummer wieder raus.“ So einfach erklärt sich Stefanie Stahl (57), Deutschlands bekannteste Psychologin und Psychotherapeutin, ihren immensen Erfolg. Ihre Bücher verkaufen sich millionenfach, der Titel „Das Kind in dir muss Heimat finden“ steht seit Anfang 2016 ununterbrochen vorn auf den Bestsellerlisten.
Ihre Werke handeln von Bindungsängsten, Persönlichkeitstypen und Kindheitsprägungen – und immer davon, dass wir es selbst in der Hand haben, uns das Leben und das Zusammenleben leichter zu machen. Und zwar ganz ohne jahrelange Analyse: „Therapie zum Selbermachen für alle Normalgestörten“, nennt die Psychologin ihren Ansatz. „Ich bin überzeugt: Man muss nicht in die letzten Provinzen seiner Seele reisen, um sich selbst zu verstehen.“
Stefanie Stahl redet nicht gern um die Dinge herum. Das macht sie authentisch und nahbar. Ihre Bücher sind sehr verständlich geschrieben und sprechen gleichermaßen den Verstand und das Gefühl an. Um ihr jeweiliges Buchprojekt neben ihrer Arbeit als Psychotherapeutin voranzubringen, hat sie sich eine klare Tagesstruktur gesetzt: morgens Sport, vormittags Schreibtischzeit, nachmittags Termine mit Klientinnen und Klienten, dazwischen eine Stunde am Klavier. Die Wochenenden hält sich die Psychologin grundsätzlich frei. Das Interview für „Happy“ hat sie unserer Autorin im Auto gegeben, auf dem Weg in ihr Waldhäuschen bei Trier. Gemeinsam mit ihrem Mann Holger verbringt sie dort gern ihre freien Tage.
Wie kommt es, dass manche Menschen mit Stressfaktoren wie etwa der Isolation während Corona besser klarkommen als andere?
Stahl Das hat zunächst mit unserer Persönlichkeitsstruktur zu tun. Ein introvertierter Mensch zum Beispiel tut sich mit dem Alleinsein wesentlich leichter als ein extrovertierter. Introvertierte tanken auf, wenn sie allein sind, Extrovertierte laden ihre Batterien auch im Zusammensein mit anderen auf. Das macht während Lockdown oder Quarantäne einen Unterschied. Davon abgesehen werden manche von uns bereits sensibler und mit einer höheren Stressbereitschaft geboren.
Heißt das, mit unserer Geburt ist schon alles gelaufen?
Stahl Ganz und gar nicht! Wir haben zwar unsere Veranlagungen, aber vieles hängt auch davon ab, wie gut sich unsere Eltern um uns kümmern. In der Anfangszeit können Babys und Kleinkinder ihren Stress noch nicht selbst regulieren und sind darauf angewiesen, dass sie feinfühlig und zuverlässig getröstet werden. Nur dann kann ihr Gehirn das Beruhigungshormon Oxytocin ausschütten und sie entwickeln das wichtige Urvertrauen. Unsere Stressresistenz als Erwachsene hängt also wesentlich von den ersten zweieinhalb Lebensjahren ab – ein Grund, warum ich der frühen Betreuung in Kitas kritisch gegenüberstehe.
Mal abgesehen vom Umgang mit Stress: Manche Menschen scheinen grundsätzlich zufriedener mit sich und ihrem Leben zu sein als andere. Warum ist das so?
Stahl Die meisten Menschen, die mit sich oder mit ihren Beziehungen zu kämpfen haben, ruhen wenig in sich selbst. Sie denken, sie müssten irgendwie anders sein, besser sein. Andere sind mehr in sich selbst beheimatet. Das heißt nicht, dass sie alles an sich toll finden, sondern dass sie sich mit ihren Schwächen annehmen können. Beides hat viel mit unserem inneren Kind zu tun.
Das „innere Kind“ kommt in Ihren Büchern häufig vor. Können Sie bitte kurz erklären, was es damit auf sich hat?
Stahl Das innere Kind ist ein Begriff aus der modernen Psychologie. Es steht in der Fachliteratur für unser Unbewusstes, für unser Gefühlserleben. Ich gehe in meinem Ansatz einen Schritt weiter, wenn ich sage, dass die Vorstellung vom inneren Kind auch unsere Glaubenssätze und unsere Selbstschutzstrategien mit einschließt. Glaubenssätze sind unsere tiefsten, inneren Überzeugungen – gute wie schlechte –, die wir vor allem während der ersten Lebensjahre entwickeln. Haben mich meine Eltern beispielsweise liebevoll umsorgt und sich an mir gefreut, dann gelange ich zu Glaubenssätzen wie „Ich bin willkommen“ oder „Ich bin wertvoll“.
Warum entwickeln wir solche Schutzstrategien?
Stahl Wir wollen damit unsere negativen Glaubenssätze kompensieren. In der Kindheit entwickeln wir Schutzstrategien, um mit unseren Eltern klarzukommen. Wenn die Eltern beispielsweise ständig gestresst sind, denkt das Kind nicht: „Die sollten mal Urlaub machen!“ Sondern: „Ich falle zur Last! Ich bin nicht wichtig!“ So entstehen die Glaubenssätze. Dann bemüht es sich, besonders lieb und artig zu sein – so entstehen die Schutzstrategien. Die Glaubenssätze und die Schutzstrategien werden als unbewusste Verhaltensprogramme mit in das Erwachsenenleben übernommen.
Wie wirkt sich das aus?
Stahl Die Glaubenssätze bestimmen im Endeffekt mein Selbstbild und das wiederum entscheidet darüber, wie ich andere Menschen wahrnehme. Wenn ich der Überzeugung bin, ich genüge nicht, dann fühle ich mich anderen zum Beispiel chronisch unterlegen. Vielleicht versuche ich, immer möglichst perfekt zu sein, um mir und der Welt zu beweisen, dass ich eben doch gut genug bin. Das ist eine ganz typische Kompensation. Oder ich passe mich ängstlich immer an und will es allen recht machen. Auch Verdrängung oder Kontrollstreben sind solche Schutzstrategien. Und letztlich sind sie es, die uns die Probleme machen.
Wo muss ich ansetzen, wenn ich an einem dieser Probleme arbeiten möchte?
Stahl Stellen Sie sich einen Computer vor: Hinter der Anwenderoberfläche liegt die Software – und die müssen Sie verstehen, wenn Sie etwas an der Oberfläche verändern wollen. Es geht also zunächst darum, Ihre Glaubenssätze zu identifizieren. Sobald Sie wissen, wo Sie ein solches Programm am Laufen haben, können Sie sich beobachten und korrigieren.
Wie sieht das konkret aus?
StahlErtappen und umschalten. Wenn ich bemerke, dass mein Muster anspringt, kann ich sagen: Stopp! Jetzt bin ich in einem Film, der nur in meinem Kopf stattfindet. Denn wir alle sehen die Welt durch die Brille unserer Glaubenssätze. Dabei ist es ganz wichtig zu verstehen, dass wir die nur zufällig bekommen haben. Hätten wir andere Eltern gehabt, hätten wir andere Glaubenssätze im Kopf.
Muss ich für diesen Prozess in eine therapeutische Behandlung gehen?
Stahl Das kann in schweren Fällen sinnvoll sein, aber auch Selbsttherapie ist absolut möglich. Ich bin der Meinung, man muss nicht jedes Kindheitserlebnis einzeln aufarbeiten. Vielmehr reicht es schon, den eigenen roten Faden zu finden. Der könnte zum Beispiel sein: „Meine Eltern waren in Ordnung, aber sie waren auch oft überfordert. Dadurch habe ich heute häufig das Gefühl, ich falle anderen zur Last.“
Die Aufgabe wäre dann, mir bewusst zu machen, dass diese Überzeugungen doch eigentlich gar nicht zu mir gehören, sondern eher zu meinen Eltern. Dann kann ich mich von ihnen distanzieren und lernen, mich nicht mehr mit ihnen zu identifizieren.
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